Die Gründung des Deutschen Roten Kreuzes in Bingen

In Spanien brach 1868 eine Revolution aus, deren Ergebnis die Absetzung und Vertreibung des bourbonischen Herrscherhauses war. Die spanische Krone wurde dem Hohenzollernprinzen Leopold angeboten, was erhebliche diplomatische Spannungen zwischen Preußen und Frankreich auslöste, da die Annahme zu einer Stärkung der Hohenzollerndynastie in Preußen geführt hätte. Um einen Krieg mit Frankreich zu vermeiden, drängte Preußenkönig Wilhelm I seinen Verwandten zum Ver­zicht. Als der französische Kaiser Napoleon III in der „Emser Depesche“ weitere unzumutbare Forde­rungen gegen Preußen stellte, verweigerte Wilhelm I deren Annahme. Frankreich erklärte daraufhin am 19. Juli 1870 Preußen den Krieg. Der Ausbruch des deutsch-französischen Kriegs löste im ungeeinten Deutschland eine Welle des Patriotismus aus. Gemeinsam traten der Norddeutsche Bund (geführt von Preußen) und die süddeutschen Staaten dem französischen Angreifer entgegen.

Überall in Deutschland wurden sogenannte Lokal-Hilfsvereine gegründet, deren Helfer unter dem Zeichen des Roten Kreuzes verwundete Soldaten pflegen sollten.

Die Stadt Bingen besaß in der damaligen Zeit aufgrund des Truppenumschlagbahnhofs in Binger­brück und ihrer geographischen Lage besondere strategische Bedeutung. Am 26. Juli 1870 wurde ein Aufruf von angesehenen Bürgern der Stadt veröffentlicht, der die Mitbürger dazu aufforderte, sich an der Gründ
ung eines „Lokalvereins zur Pflege im Felde verwundeter und kranker Krieger“ zu beteili­gen. Handlungsgrundlage des Vereins sollte die Genfer Konvention sein, welche verletzte Soldaten und Zivilisten vor Kriegshandlungen schützen soll. Die Geburtsstunde des Roten Kreuzes in Bingen war dann der 30. Juli 1870, an welchem sich 31 Bürger versammelten, um einen Lokal-Hilfsverein mit 261 Mitgliedern zu gründen.

Zusammen mit dem „Frauenverein zur Pflege verwundeter und kranker Krieger und deren zurück­gelassener Familien“ sowie dem „Verein zur Begleitung und Hilfeleistung der an Bingen-Bingerbrück durchkommenden Truppen“ wurde vor allem nachts Hilfe geleistet. Der Lokal-Hilfsverein war in besonderem Maße durch die Bingerbrücker Sanitäts- und Verpflegungsstation beansprucht. Die Verpflegung, die Versorgung und der Transport von Verwundeten in die Lazarette von Bingen und Bingerbrück erfolgte zunächst fast ausschließlich durch die drei genannten Vereine, weil eine staatlich organisierte Hilfeleistung kaum stattfand. Erst im September 1870 wurden die freiwilligen Helfer durch hauptamtliche Krankenpfleger/innen-Kolonnen entlastet. Leiter der Ambulanz wurde Herr Dr. Wolf aus Schlangenbad.

Bis zum Januar 1871 durchliefen ca. 84043 Kranke und Verwundete die Station Bingerbrück. Den Verwundeten wurden Verbände angelegt, Arzneimittel verabreicht, diverse Gebrauchsgegenstände (z.B. frische Kleidung) zur Verfügung gestellt sowie Verpflegung überreicht. Soldaten, die wegen ihrer Verletzungen nicht mehr transportfähig waren, wurden in die hiesigen Krankenhäuser und Feldlaza­rette überwiesen. Insgesamt standen in Bingen und Bingerbrück 849 Lazarettplätze zur Verfügung. Weiterhin wurden auch gesunden Soldaten Erfrischungen gereicht, wenn die Züge in Bingerbrück einen Zwischenhalt machten. Ein weiteres Problem, welches das Rote Kreuz in Bingen zu meistern hatte, war die Unterbringung und Versorgung von Deutschen, die aus Frankreich ausgewiesen wurden.

Insgesamt gingen bis April 1871 fast 20.000 Taler als Sach- und Barspenden ein, so daß sogar noch die Lazarette in Saarbrücken, St. Wendel, Bad Kreuznach, Ingelheim, Wiesbaden-Biebrich, Courcelles und Verneville mit Hilfsmitteln unterstützt werden konnten.
Der deutsch-französische Krieg endete mit dem Sieg der verbündeten deutschen Truppen. Noch während der Kriegshandlungen wurde am 18. Januar 1871 Wilhelm I zum Kaiser proklamiert. Deutschland war wieder vereint.
Nach Kriegsende erkannte der Vorsitzende Eberhard Soherr die Gefahr, daß sich das Rote Kreuz in Bingen auflösen könnte, weil die meisten Verwundeten aus den Lazaretten entlassen waren. In einem Aufruf an die Binger Bevölkerung schreibt er folgendes:

„Aber ein Ende hat sie (die Hilfstätigkeit) mit dem Frieden nicht erreicht. Auch wenn der letzte kranke oder verwundete Soldat aus den Lazaretten dieses Krieges entlassen sein wird, erwartet uns noch Arbeit und die Pflicht, uns als wohlgegliederten Organismus aufrecht zu erhalten, ja uns zu erweitern und zu verstärken.

Der gegenwärtige Krieg hat aufs neue bestätigt, daß nur eine schon vor Beginn des Krieges organi­sierte Hilfstätigkeit ihre Aufgabe zu erfüllen vermag…

Es liegt die Gefahr nahe, daß manche derjenigen, welche sich unter der Wucht der Zeitereignisse zum Beitritt in den Hilfsverein veranlaßt sahen, mit eingetretenem Frieden demselben untreu werden…
Aber auch einen unmittelbaren Gegenstand unserer Tätigkeit haben wir in der Fürsorge für die Invaliden und die Hinterbliebenen gefallener Soldaten.