Das Rote Kreuz in Bingen (1921 bis 1945) – Teil 2/3

Mit der Initiative von Frau Geheimrat Steeg und Frau Marx gelang es, die Aktivitäten des Alicefrauenvereins in Bingen im März 1930 wieder zu beleben, der sich zusammen mit den vorhandenen Organisationen, allen führend voran dem Deutschen Caritasverband, der sozialen Not in der Stadt annehmen wollte. Dabei trat der Alicefrauenverein mit verschiedenen Veranstaltungen an die Öffentlichkeit, wie einem Gartenfest im März 1931 oder der Einrichtung einer Nähstube in der ehem. Marnekaserne 1931 oder einer Modenschau zu Wohltätigkeitszwecken, welche zusammen mit dem Anfang 1931 gegründeten Frauenverein von Roten Kreuz für Deutsche über See veranstaltet wurde. Dieser Frauenverein trat durch eine Vielzahl von Vortragsabenden über die Deutschen in Südwest- und Ostafrika, in Südamerika und Indien in Erscheinung, wobei es größtenteils zu einer Doppelmitgliedschaft der Frauen in beiden Gliederungen kam. Der Vaterländische Frauenverein war in Bingerbrück aktiv.

Die Tätigkeit des Roten Kreuzes war von 1921 bis 1933 der heutigen, was das Wirkungsfeld angeht, recht ähnlich, wobei der Hereressanitätsdienst in einen sog. amtlichen Sanitätsdienst gewandelt wurde und auf dem Gebiete der freien Wohlfahrtspflege erste Schritte, sich zu etablieren, unternommen wurden. Dies änderte sich nach der Regierungsübernahme durch Adolf Hitler im März 1933 sehr schnell und bis zum Kriegsausbruch im Sept. 1939 grundlegend. Was sich ja auch im Austausch des Binger Bürgermeisters Dr. Sieglitz gegen Herrn Nachtigall zeigte.

Wurde bei Veranstaltungen, z. B. im Jan. 1931, bisher formuliert:

„Die Mitglieder werden gebeten an dem morgen stattfindenden Vortrag des Frauenvereins von Roten Kreuz für Deutsche über See zahlreich teilzunehmen.“ (Rhein- und Nahezeitung 12.1.1931),

so hieß es jetzt, z. B. im Juli 1933:

„Freiwillige Sanitätskolonne Bingen. Morgen Sonntag Vormittag wichtige Übung an Rhein-Nahe-Eck. Vollzähliges Erscheinen der Kolonne ist Pflicht! Treffpunkt 8 Uhr in der Bauschule.“ (Rhein- und Nahezeitung 29.7.1933)

Das Aufgabenspektrum des Roten Kreuzes begann, sich wieder mehr dem originären Tun und Handeln zuzuwenden, nämlich der Versorgung der Verwundeten im Felde: im Heeressanitätsdienst der dt. Wehrmacht, im Luftschutz, bei der Technischen Nothilfe ect. Die Winterhilfe der Wohlfahrtsverbände, bei der auch das Rote Kreuz eine bescheidene Rolle spielte, wurde eingestellte, um von der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt übernommen zu werden. Zunächst kam auch in Bingen die Arbeit des DRK aus Verunsicherung – es war nicht klar, ob auch das Rote Kreuz (jetzt nun immer Deutsches Rotes Kreuz genannt) gleichgeschaltet würde – mehr oder weniger für einige Monate zum Erliegen. Mit markigen Entschließungen, wie:

Sanitäter hinter der Regierung
Rheinischer Ärzte- und Führertag. (Rhein- und Nahe Zeitung 10.5.1933),

Loyalitätsbekundungen und Ähnlichem, wurde versucht, das Überleben des Roten Kreuzes unter erheblichen inhaltlichen Verlusten aufrechtzuerhalten, sozusagen feierte hier der Macchiavellismus auf Vereinsebene neue Triumphe. Noch am 8.4.1933 wehrte sich das Hessische Rote Kreuz als einziger Landesverband: „Die grundsätzliche Ausschaltung aller Personen jüdischer Konfession und Abstammung von der Mitarbeit im Roten Kreuz ist mit den Grundsätzen des Deutschen Roten Kreuzes nicht vereinbar und entspricht nicht dem christlichen Geist und dem Symbol des Roten Kreuzes. Vorstandsämter und Führerstellen sollten aber nicht mit Personen jüdischer Abstammung besetzt werden“ , doch schon bald sah es anders aus. Beständige und starte Versuche aus den eigenen Reihen, das Rote Kreuz zu einer nationalsozialistischen Vereinigung zu machen, wurden, insbes. von der dt. Wehrmacht, verhindert. Langfristig stellte sich heraus, daß diese Organisation mit ihrem Fachwissen und Können – ähnlich der Wehrmacht- nicht durch nationalsozialistische Gliederungen völlig zu ersetzten war, was den Sanitätsdienst anging.

Schon 1933 wurden die ersten Schwesternhelferinnenkurse in Bingen (zeitweise noch Samariterinnenkurse genannt) begonnen. Die Schwesternhelferinnen mußten, wie z.B. 1936, öffentlich mit der Formel: „Wir geloben Treue dem Führer, Treue dem Vaterland und Treue dem Deutschen Roten Kreuz“ vereidigt werden. Im Laufe der Zeit wurden dann die Kurse an zentralen Ausbildungsstätten abgehalten, die Vereidigung – meist auf dem Adolf Hitler Platz (heutiger Marktplatz) abgehalten – blieb aber eine Binger Veranstaltung.

Die Aufgaben des DRK Bingen waren zunächst die gleichen, wie oben geschildert; dazu kamen dann noch spezielle Sanitätswachen bei Wahlen (einschließlich Fahrdienstleistungen für Gebrechliche zum Wahllokale), Sanitätsdienste bei Großkundgebungen, wie den großen Saarlandkundgebungen bis zu dessen Wiedereingliederung und eine verstärkte Ausbildungstätigkeit der Rotkreuzler in Bingen bei anderen Organisationen, wie dem Reichsluftschutzbund, der Technischen Nothilfe und den NS-Organisationen. Der Rotkreuztag wurde zum Deutschen Rotkreuztag. Die Sammlungen wurden mit der Zeit bis auf eine beschränkt, wobei sich hier alle nicht nationalsozialistischen Organisationen einen Tag „teilen“ mußten, was aber für das DRK später gelockert wurde, wozu dann noch die Sammlungsunterstützung von SA, BDM, HJ . zugunsten des Roten Kreuzes kam.