Das Rote Kreuz in Bingen (1921 bis 1945) – Teil 1/3

War die Tätigkeit des Roten Kreuzes bisher durch den Transport und die Versorgung von Kriegsverletzten sowie durch die Betreuung von Invaliden des Kriegsgeschehens bestimmt, so wandelte sie sich nach dem 1. Weltkrieg grundlegend zur, wie es im Roten Kreuz genannt wurde, Friedenstätigkeit. Erschwerend kam hinzu, daß die wirtschaftliche Not, die in der großen Inflation des Jahres 1923 gipfelte, auch in Bingen fast jede Rotkreuztätigkeit zum Erlahmen brachte. Jede bisher so für andere hilfreiche Hand hatte mit den eigenen Sorgen und Nöten zu kämpfen. Ein weiterer Hemmschuh waren die Friedensbestimmungen von Versailles, nach denen (Teil V, insbes. Art. 177 und 178) zu entmilitarisieren war und die Rotkreuztätigkeit als Teil des militärischen Kriegspotentials gesehen wurde. Noch mehr Einschränkungen der Aktivitäten des Roten Kreuzes in unserer Heimat mußten nach der Rheinlandbesetzung durch die Franzosen im Jahre 1923, die erst 1930 wieder abzogen, hingenommen werden, was auch dazu führte, daß Kolonnen- und Verbandstage i.d.R. immer außerhalb des besetzten Gebietes stattfanden, wo auch ein Tragen der Rotkreuzuniform eher möglich war, was als recht wichtig angesehen wurde. Da auch die bisherigen Gönner des Kaiserreiches, insbesondere das Kaiserpaar, der Gunst des Roten Kreuzes nicht mehr zur Seite standen, wurde aus dem lockeren Verband des Zentralkomitee des Roten Kreuzes in Berlin der eigenständige Verein des Deutschen Roten Kreuzes e.V. mit Sitz in Berlin, auch um die Interessen des Roten Kreuzes in der Weimarer Republik besser vertreten zu können.

Ab 1921/23 begann sich das Rotkreuzwirken in Bingen wieder etwas mehr zu beleben, wenn auch nur durch wenige öffentliche Vortragskurse, einige Ausbildungen und Übungen sowie durch die Vermittlung von Ehrenzeichen für Hausangestellte, die jenen Hausangestellten durch das Hessische Rote Kreuz verliehen wurden, die sich mehr als 20 Jahre im Dienste derselben Herrschaften befanden. Diese Auszeichnung gab es bis etwa Mitte der dreißiger Jahre.

Einen wahren Aufschwung nahm dann die Tätigkeit des Roten Kreuzes in Bingen und Umgebung nach dem 8. hessischen Sanitätskolonnentag am 12.9.1926 in Bensheim. Die rotkreuzeigenen Ausbildungen, die neben der Vermittlung praktischer Tätigkeiten, wie das Anlegen von Verbänden, das Tragen von Verletzten oder die Wiederbelebung nach den damaligen Methoden auch anatomische und physiologische Kenntnisse oder auch das Marschieren in diversen Kolonnenformationen umfaßte, wurde in fast wöchentlichen Kursen, die meist mit Prüfungen abschlossen, verstärkt, welche zunächst in der Realschule und später in der hessischen höheren Bauschule in der Kirchstraße stattfanden, in Bingerbrück meist im alten Schulhaus. Auch für die Bevölkerung und für Betriebe wurden durch die Kolonnenärzte (Dr. Lauter in Bingen, Dr. Stärkel in Bingerbrück sowie Dr. Keitel in Büdesheim, nachdem dort 1930 eine Sanitätskolonne gegründet worden war) meist zweistündige Erste-Hilfe-Kurse abgehalten. Ferner fanden regelmäßig Übungen auch mit den Feuerwehren statt, was häufig u.a. die Gelegenheit zur Inspektion der Kolonne durch den Bürgermeister gab, der traditionsgemäß auch der Vorsitzende des Zweigvereins von Roten Kreuzes in Bingen war. Schon damals gab es ein gutes Verhältnis zwischen dem Roten Kreuz, der Feuerwehr in Bingen und der Technischen Nothilfe. Auch die Zusammenarbeit bei Hochwassereinsätzen, z. B. 1929 wurde als sehr gut bezeichnet. Das Rote Kreuz stellte bei anderen vielfältigen Anlässen, z. B. bei Sportveranstaltungen und an verkehrsreichen Tagen, wie an Pfingsten eine Sanitätswache, wobei die Notrufe i. d. R. bei der Polizei aufliefen.  Es sollte ja auch nicht vergessen werden, daß wirkungsvolle Hilfe für die Menschen fast nie ausschließlich von nur einer Organisation kommt. Der Rotkreuztag, an dem, wie bei anderen Veranstaltungen auch, immer Mitglieder geworben wurden, Blumen, Postkarten und Broschen, Anhänger, Anstecknadeln usw. verkauft wurden, erwies sich als ein wahrer Stützpfeiler für die Rotkreuztätigkeit, an dem sich die Vereine und Kolonnen, welche ein recht eigenständiges Leben führten, zu einer gemeinsamen für die Öffentlichkeit sichtbaren Kraftanstrengung vereinigen mußten. 1928 wurde dieser Tag durch die 100 Jahrfeier für H. Dunant besonders betont. Im Jahre 1929 fand dann erstmals eine Reichsunfallverhütungswoche des Roten Kreuzes statt; in dem Jahr, in welchem auch die Unfallmeldestellen in Bingen und Bingerbrück eingerichtet wurden. Diese Unfallmeldestellen wurden an den Häusern, in denen geschultes Sanitätspersonal vorhanden war, durch ein Rotes Kreuz gekennzeichnet. Kam es zu einem Unfall, so konnte dort jemand um Erste-Hilfe-Leistung gebeten werden. Die Tätigkeitsberichte der Kolonnenführer lassen auf eine rege Erste-Hilfe-Ausübung der Kolonnenmitglieder schließen. Nicht vergessen werden darf, daß regelmäßig Geldsammlungen mit Genehmigung des hessischen Innenministeriums stattfanden (zu bemerken ist, daß Bingerbrück unter preußischer Verwaltung stand), wobei die Geldmittel fast nie ausreichten. Eine 1928 im Januar durchgeführte Weihnachtsfeier konnte auch finanziell als Erfolg gerechnet werden. In den dreißiger Jahren gab die Stadt Bingen – neben der jährlichen Zuwendung von 60,– RM einen einmaligen Zuschuß von 300,– RM für die Beschaffung von Uniformen. 1931 feierte Bingen und 1932 Bingerbrück dann das vierzigjährige Bestehen ihrer Sanitätskolonnen. Zu erwähnen ist noch, daß sich Bingerbrück in der „Arbeitsgemeinschaft der Freiwilligen Sanitätskolonnen an der Nahe“ zusammen mit Bad Kreuznach, Bad Münster am Stein, Kirn, Ebernburg usw. als ein zuverlässiger Partner dieses Zusammenschlusses erwiesen hatte. Ab 1930 wurden dann wieder wirtschaftliche Schwierigkeiten in Deutschland sichtbar, die zu einer verstärkten Tätigkeit im Bereich der freien Wohlfahrtspflege Anlaß gaben, welche aber vorzugsweise durch Frauen ausgeübt wurde.