Das Rote Kreuz in Bingen (1871-1918)

Nach dem deutsch-französischen Krieg ließ die regelmäßige Arbeit des Binger Hilfsvereins in der zweiten Hälfte des Jahres 1871 stark nach. Bis 1881 fanden noch einige Versammlungen statt, dabei galt die Arbeit in dieser Zeit hauptsächlich der Unterstützung von Kriegsinvaliden.

Am 07.04.1888 versuchten die zwei verbliebenen Vorstandsmitglieder erfolglos wieder frischen Wind in den Verein zu bringen. Von da ab ruhte jegliche Arbeit des Vereins.

Am 10.09.1891 wurde von 60 Bürgern erneut ein Zweigverein des Roten Kreuzes in Bingen gegründet. Dieser fand allerdings nur wenig Beachtung in der Bevölkerung, dementsprechend gering war die finanzielle Unterstützung des Vereins.

Hauptsächliche Tätigkeit war die Aufstellung einer Sanitätskolonne deren Fähigkeiten bei zahlreichen Übungen unter Beweis gestellt wurden. Diese Kolonne umfaßte vor dem Krieg etwa 20-30 Aktive.

Am 14.06.1913 wurde in Bingen zudem ein Zweigverein des Alice-Frauenvereins gegründet. Zunächst bestand er aus 53 Frauen, während des Krieges sollte die Mitgliederzahl bis auf 514 Frauen steigen.

Gleich zu Beginn des 1. Weltkrieges vereinigte sich das Hessische Rotkreuz mit dem Alice-
Frauenverein, um sich gemeinsam den Anforderungen der Kriegsarbeit zu stellen.

In Bingen gründete sich zunächst ein Arbeitsausschuß für allgemeine Kriegsfürsorge. Dieser schließt sich schon bald dem Roten-Kreuz an, eine Arbeitsgemeinschaft wird gegründet.

Zur Koordination sämtlicher Maßnahmen des Roten Kreuz in Bingen wurde eine Geschäftsstelle eröffnet, welche für die Annahme und Weitergabe von Spenden, Koordination von Verwundetentransporten und die Geräteverwaltung zuständig war.

Während des 1. Weltkrieges wurden vom Roten Kreuz in Bingen folgende Aufgaben übernommen:

Unterstützungstätigkeit:
Bedürftige Frauen und Kinder von Kriegsteilnehmern wurden durch Mietzuschüsse, Barzuwendungen, Lebensmittel- sowie Kohle- und Brennholzspenden unterstützt. Insgesamt wurden 400 Familien ( ca. 1400 Personen) im Verlauf des Krieges auf diese Weise versorgt.

Suppenküche:
Durch sie wurden bedürftige Familien mit Suppe und Brot versorgt. Täglich wurden dort bis zu 600 Portionen Suppe ausgegeben.

Verpflegungs-, Erfrischungs- und Verbandsstelle:
Eingerichtet am Binger Bahnhof diente sie der Versorgung von Soldaten in den Bingen passierenden Verwundetentransporten. Sie wurde von ca. 140 Frauen des Alice-Frauenvereins betrieben.

Verletztentransporte:
Hauptaufgabe des Roten Kreuzes in Bingen war der Transport von am Bahnhof Bingen eintreffenden Verwundeten in die verschiedenen Lazarette der Stadt. Diese Arbeit wurde von der Sanitätskolonne durchgeführt, die zunächst aus einer Stammannschaft von 23 Mann bestand. Wegen Einberufungen zum Militärdienst mußten allerdings immer wieder neue Mitglieder geworben werden. Zeitweise mußten diese Transporte von Schülern höherer Jahrgangsstufen durchgeführt werden.

Die Alarmierung dieser Einheit erfolgte jeweils durch Radmelder.

Zum Transport war folgendes Material vorhanden:

3 Krankenwagen, 14 Tragen, 6 Tragestühle und ein Rollstuhl.

Außerdem wurden die Transporte durch Privatwagen unterstützt.

Solche Transporte wurden 79 mal vom Bahnhof und zweimal vom Schiff zu den Lazaretten durchgeführt. Insgesamt kamen im Verlauf des Krieges 18 390 Verwundete in die zehn Binger Lazarette und die in Gensingen, Rüdesheim, Geisenheim, Johannisberg und Ingelheim, die alle unter Binger Verwaltung standen.

Frauen- und Kinderfürsorge; Kriegskindergarten:
Etwa 50 Kinder von arbeitenden Frauen, deren Männer im Krieg waren, wurden im Kriegskindergarten aufgenommen, weiterhin wurde ein Kinderhort eingerichtet. Zusätzlich wurde eine sog. Frauenfürsorge betrieben, die sich um die Vermittlung von Arbeit für Frauen bemühte. Mit immer knapper werdenden Arbeitsplätzen wurde eine Arbeitsstube eingerichtet in der z. B. aus gesammelten Altkleidern Kinderkleidung hergestellt wurde. Später wurden dort auch Decken und Kleidung für die Front produziert. Unter anderem wurden in den Kriegsjahren 97 800 Sandsäcke, 14295 Hemden, 6000 Zwiebacksäckchen, 8420 Paar Socken, 3777 Hosen 603 Decken und 385 Unterhosen angefertigt. Ab Juni 1915 beteiligte sich das Deutsche Rote Kreuz in Bingen auch an der Vermisstenermittlung und Gefangenenfürsorge. Gelder für die Rotkreuz-Pfennigmarken bzw. Lose der Kriegslotterie verkauft, die Aktion „Gold gab ich für Eisen“ durchgeführt, sowie Sammlungen an sog. Opfertagen organisiert. Außerdem wurde das Rote Kreuz in Bingen natürlich durch Sach- und Geldspenden aus der Bevölkerung unterstützt.